Zeit der Rache – 4. Reacher-Band (Lee Child)

Wieder mal ein Beispiel für schlecht übersetzte Originaltitel. Der vierte Jack Reacher-Roman heisst im englischsprachigen Original “The Visitor”, was ziemlich gut zu der etwas unheimlich anmutenden Geschichte um den geheimnisvollen Mörder mehrer Frauen passt, der einen bizarr anmutenden Tatort ohne jegliche verwertbare Spuren hinterlässt. Der deutsche Titel “Zeit der Rache” passt nur teilweise. Nämlich bis fast zum Ende der Geschichte, dann wird klar, dass er eigentlich nicht passt und nur mit zur Verwirrung unter der Leserschaft dient.

Aber wer Jack Reacher-Romane liest, lässt sich sicherlich nicht von seltsam gewählten Titeln stören. Also wundert er sich stattdessen viel mehr über andere Punkte:

Die Geschichte fängt gleich damit an, dass der Leser oder die Leserin in die Rolle des Mörders schlüpft. Der Leser wird mit “du” angesprochen und es werden Hypothesen, Überlegungen und Ideen durch besprochen. Was wäre, wenn du der Mörder wärst und dies oder jenes erreichen willst.

Bleibt zu Beginn alles noch extrem vage, wird man durch weitere solcher Abschnitte, die im Roman verteilt sind, immer tiefer und detailierter mit dem vertraut, was der Mörder tut, überlegt und erreichen will. Das drückt die Spannung manchmal bis fast ins Unerträgliche, vor allem gegen Ende der Geschichte, weiss man doch schon ziemlich früh, was mit den Opfern im Wesentlichen passiert.

Das weiss übrigens auch die Polizei, denn sie findet die Opfer ja. Nackt, in einer Badewanne, gefüllt mir armeegrüner Farbe, tot. Ziemlich bizarr, auch für das FBI, das nach dem zweiten Opfer von einem Serientäter ausgeht und den Fall übernimmt. Damit haben sie ja Erfahrung und beschäftigen entsprechend ausgebildete Profiler. Einzig ein ziemlich dickes Problem verunsichert die Ermittler: Wie haben auch nach den Autopsien keine Ahnung, woran die Opfer sterben.

Die Hauptfigur Jack Reacher kommt da eigentlich wieder nur sehr zufällig mit rein und muss erst vom FBI auf haarsträubend unmoralische Weise unter Druck gesetzt werden, um sich mit einer Zusammenarbeit einverstanden zu erklären. Selbst dann verfolgt er aber ganz nebenbei noch ein paar eigene Ziele. Zudem klappt’s nicht so ganz mit der Sympathie zwischen den FBI-Agenten und Reacher, dem ehemaligen Militärpolizisten.

Viele Dutzend Seiten lang war ich überzeugt, hier den bisher besten Reacher-Roman vor mir zu haben. Sehr spannend wird die Geschichte in typischer Lee Child-Manier eher langsam vorangetrieben, bis sich am Ende eines ums andere ergibt. Und genau das ist bei “Zeit der Rache” meiner Meinung nach ein Problem.

Man überlegt sich ein Buch lang, wie der Scheissmörder das gewalt- und spurlos hinbekommen kann. Und am Ende geht’s um Hypnose? Ohne dass ich mir jetzt so richtig sicher bin, ob sowas überhaupt möglich ist, es ist sicher nicht das, was ich in einem Thriller erwarte, der ansonsten versucht, möglichst realistisch und un-mystisch zu sein.

So gesehen ist “Zeit der Rache” der beste Jack Reacher-Roman bis ganz zum Ende, wo’s um die Auflösung der Verbrechen, um Motiv und Mittel geht. Da vermochte er mich dann nicht mehr so richtig überzeugen.

Was soll’s, ich lad’ mir gleich den nächsten auf meinen eBook-Reader. 🙂 Auf geht’s.

Meine Bewertung

 

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