Weissenau (Peter Beutler)

Weissenau - Peter BeutlerMit seinem zweiten Roman “Weissenau” verarbeitet der Berner Oberländer Peter Beutler einen wahren Fall von Rechtsextremismus aus seiner Gegend zu einem spannenden Kriminalroman. Im Jahre 2001 wurde der Jugendliche Marcel von Allmen von Neonazis brutal umgebracht, weil er gegen den Ehrenkodex der Gruppe, bei der er selber Mitglied war, verstossen haben soll. Seine ehemaligen Kameraden schleppten ihn auf die Burg Weissenau (daher der Romantitel), prügelten ihn zu Tode und warfen die Leiche in den Thunersee. Die Medien berichteten verschiedentlich über diesen Mord und ihm vorausgegangenen Taten der Neonazi-Gruppierung, unter anderem die NZZ vom vierten Prozesstag. Das Opfer hat auch einen bescheidenen Wikipedia-Eintrag. Und der ganze Fall wurde ein paar Jahre später sogar in einer Doku verfilmt.

Um diese ganzen Geschehnisse, die damals bekannt und teilweise öffentlich wurden, hat Beutler seine Geschichte gesponnen. Mit dem Wissen, dass die Neonazi-Gruppe, von der er schreibt, tatsächlich existierte und der brutale Mord wirklich geschah, bekommt der Roman zusätzliche Spannung. Obschon der Autor deutlich darauf hinweist, dass ein Teil der Geschichte zwar wahr, der ganze Rest aber völlig frei erfunden sei, liest sich das Buch häufig über mehrere Seiten eher wie eine Dokumentation denn einen Roman. Das liegt aber auch am Stil des Autors, der nicht nur in der dritten Person mal von diesem, mal von jenem Protagonisten erzählt, sondern zwischendurch auch in einen personenunabhängigen Erzählmodus fällt, der eben genau an Dokumentationen erinnert.

Gerade weil nicht nur eine Einzelheit, sondern der wesentliche Rahmen der Geschichte wahr ist, interpretiert man beim Lesen unweigerlich mehr Wahrheit in das Geschriebene als wohl richtig ist. Das ist insofern nicht gut, weil der Autor die Story durchaus auch nutzt, um jeden, der auch nur ansatzweise eine politisch rechte Einstellung hat, als braunen Extremisten und mit wenig Intelligenz bestückten Dummkopf darzustellen. Seine Bemühung, die politisch Rechte im schlechten und die Linken im deutlich besseren Licht dastehen zu lassen, fand ich ziemlich penetrant. Nach einem Blick auf seine Website (die überraschend unprofessionell und veraltet daherkommt) war dann alles klar: Einem Schriftsteller, der auf seiner Website die Links zu linken Parteien prominenter platziert als zu seinen Büchern, der muss ziemlich angefressen sein. 🙂 Und tatsächlich war Beutler über Jahrzehnte politisch aktiv in der linken Sozialdemokratischen Partei. Seine Schwerpunkte auf der politischen Agenda (gem. Wikipedia) finden fast alle auch Eingang in “Weissenau”. Schade, manchmal scheint es, Beutler hat den Roman mit einem politischen Flugblatt verwechselt.

Obwohl der Autor um ein Vielfaches besser schreibt als er Webseiten erstellt: Es sind genau diese manipulativen Versuche, nur die Linken als vernünftige Menschen darzustellen, die ehrlich an der Auflösung eines Verbrechens interessiert sind, die diesen Roman in qualitativer Hinsicht deutlich schwächen. Das ist einfach nur lächerlich. Dies gerade deshalb, weil der Leser kaum unterscheiden kann, was nun Fiktion und Tatsache ist (bzw. war). Ansonsten bietet die Geschichte reichlich Spannung und gute Unterhaltung. Abgesehen von den erwähnten Unterstellungen gefällt es mir, wie Beutler gekonnt Tatsache und Erfindung zu einer plausiblen Geschichte vermischt. Eine Geschichte mit Kopfschüttel-Faktor: Dann nämlich, wenn man bedenkt, wie wenig es wohl braucht, um braungesinnten Extremismus aufkeimen zu lassen und wie viel Gewaltbereitschaft in Menschen verborgen sein kann.

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18./21.01.

Weissenau (Peter Beutler)
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