Todesengel (Andreas Eschbach)

Ich mag den Schreibstil von Andreas Eschbach, allerdings weniger seinen Hang zur Science-Fiction. Mystik ist ok, aber irgendwie sollte die Geschichte (wohlverstanden für meinen Geschmack) in der Realität bleiben. Deshalb habe ich mir „Todesengel“ ausgesucht, der dieses Kriterium zu erfüllen scheint. Jedenfalls bis man mit Lesen anfängt.

Sofort liest man in der Ich-Form von einem (wahrscheinlich) menschlichen Wesen, das eins ist mit seiner Umgebung, alles hört, riecht, schmeckt und treffsicher da auftaucht, wo Menschen in Bedrängnis geraten. Und dann… Peng! Peng! Zwei Schüsse, zwei Tote. Die Jugendlichen, die einen älteren Mann verprügeln, werden kommentarlos gerichtet von einer Lichtgestalt, die der Zeuge nur als Engel beschreiben kann. Hab‘ ich doch das falsche Buch erwischt?

Offensichtlich geht ein Unbekannter auf die Jagd nach Menschen, die anderen Menschen Gewalt zufügen. Findet er Gewalttätige, übernimmt der bald als Racheengel bezeichnete Unbekannte gleich die Rolle von Richter und Henker. Bis auf wenige Ausnahmen eliminiert er die Täter wortlos durch einen Kopfschuss.

Die spannende Geschichte wurde in mehrere Handlungsstränge aufgeteilt, bei denen man sich zu Beginn mehr als nur wundert, wie das je zusammen geführt werden soll. Da ist ein durchschnittlicher Journalist namens Ingo, der die Geschichte seines Lebens hat, und später sogar eine äusserst erfolgreiche TV-Sendung.

Gleichzeitig begleitet man den Kriminalkommissar, der im ständigen Clinch mit dem Staatsanwalt versucht, den Fall, aus dem bald zahlreiche werden, zu lösen und der Selbstjustiz, der er manchmal gar nicht mehr so abgeneigt ist, Einhalt zu gebieten.

Eine introvertierte Übersetzerin, die seit Jahren ihr Haus nicht mehr verlässt, gibt dem Leser anfangs ebenso Rätsel auf wie die Krankenschwester, die einen seltsamen Patienten zu Hause hat. Und dann ist da noch ein Priester, der ein gleichwie seltsames und beunruhigendes Geständnis im Beichtstuhl erfährt.

Später erfährt man von der ehemaligen Beziehung zwischen dem Journalisten und seiner Ex-Freundin, die nun mit einem sich sehr wichtig nehmenden Soziologen zusammen ist, der im späteren Verlauf gleichwohl in der TV-Sendung von Ingo demontiert wie auch von Jugendlichen verprügelt wird. Und man liest von einer entstehenden Beziehung zwischen Ingo und der Tochter des ersten Engelszeugen.

Wie gesagt: Viele Personen, aber selbst wenn man sich zu Beginn nicht alle Namen merken kann, wird man in die Geschichte geführt. Schritt für Schritt entblättern sich die Schichten um die verschiedenen Figuren und auf spannende und weitgehend überzeugende Art fügen sich die verschiedenen Fäden zu einem clever gewobenen Gesamtwerk.

Das Hauptthema ist natürlich Selbstjustiz und wie eine Regierung, die Bevölkerung und vor allem auch die Medien damit umgehen. Und das Szenario, das Eschbach zeichnet, ist zwar nicht durchwegs, aber schon sehr weitgehend realistisch. Selbst die Erklärung für die lichterhafte Erscheinung des Racheengels wird – wie der halbwegs aufmerksame Leser allerdings relativ früh bemerkt – glaubwürdig aufgeklärt.

Dass gegen Ende der Geschichte eine wichtige Person stirbt, wird jeden Leser nerven, ist aber Voraussetzung, dass mal wieder ein Roman nicht als Happy End endet. Naja, irgendwie hat „Todesengel“ ja mehrere Parallelgeschichten. Und zumindest eine davon scheint doch gut auszugehen. Der kleine ad hoc-Klassentreff in der Kirche (ich will ja nicht zu viel verraten) ist sicherlich etwas arg konstruiert. Aber ansonsten währschafte Krimi-Kost, durchwegs spannend und unterhaltsam. Danke, Herr Eschbach.

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