Entfesselter Tod (Marcus Johanus)

Christopher Varnick war Entfesselungskünstler, bis er bei einem bislungenen Trick um ein Haar im Wasserbecken ertrunken wäre. Seither plagt ihn ein Trauma, das er sich nicht eingestehen will. Er wurde zum Säufer und sitzt seither nur noch in seiner Villa rum und nervt seine Assistentin und platonische Freundin mit seiner Untätigkeit.

Dann tritt ein Killer in die Öffentlichkeit und bringt eine Prostituierte auf genau die Weise um, wie Varnick damals beinahe gestorben wäre. Die Schuld wird ihm in die Schuhe geschoben und rasch nimmt ihn die Polizei in Haft. Vieles deutet auf ihn als Täter hin, sogar DNA-Spuren wurden sichergestellt. Kein Wunder, denn die Prostituierte war am Abend ihres Todes noch bei ihm zu Hause.

Varnick sieht die einzige Chance, seine Unschuld zu beweisen, darin, vor der Polizei zu flüchten. Das gelingt ihm mit Hilfe eines befreundeten Anwalts und ein paar Tricks, die er von früher noch auf Lager hat. Jetzt beginnt die Jagd, bei der man Leser eigentlich keinen Plan hat, wie und wo sie beginnen soll.

Einerseits wird Varnick jetzt natürlich erst recht von der Polizei gejagt, andererseits will er herausfinden, wer ihm den Mord in die Schuhe schieben will. Und das alles drängt sehr, denn der Mörder hat unmissverständlich weitere Morde angedeutet.

Das Duo Eike Becker und Rea Stern spielen auf der auf der Polizei-Seite die Hauptrolle. Auf der einen Seite Eike, der mit allen (notfalls auch weniger legalen) Mitteln den Erfolg, den Houdini genannten Mörder zu fassen, einheimsen will. Seine Partnerin Rea auf der anderen Seite, die zunehmends von Zweifel an Varnicks Schuld geplagt wird und mit Eikes Eifer Mühe bekundet. Dass die beiden auch privat ein heimliches Paar sind, macht die Sache noch verzwickter.

An Varnicks Seite spielt seine Assistentin Mara Winter ebenfalls eine entscheidende Rolle. Nicht zuletzt deshalb, weil Varnick rasch begreift, dass sie ein logisches weiteres Opfer des Killers sein wird.

Die durchdachte und weitgehend stimmige Handlung ist voller Action und Spannung, zwingt Varnick, sich mit seiner Vergangenheit und seinem Trauma auseinander zu setzen und vermittelt völlig unaufdringlich auch ein paar Einblicke in die Kunst der Bühnenmagie. Kein Wunder, ist der Autor doch grosser Fan von Houdini, der TV-Serie ‚The Mentalist‘ oder auch Magier-Filmen wie ‚The Prestige‘ und ‚Die Unfassbaren‘.

Die Story gefällt aber auch, weil mal alles erfrischend anders ist als in vielen Krimis. Der Mörder ist anders, der Ermittler erst recht. Varnick wächst über sich hinaus (zumindest was ihn als gegenwärtiges Ich ausmacht) und seine schauspielerischen und tricktechnischen Fähigkeiten helfen ihm über die eine oder andere Hürde hinweg. Allerdings nie so sehr, dass es an den Haaren herbeigezogen wirkt.

Nach ein paar Dutzend Seiten habe ich mich noch gewundert, weil dem Leser rasch auffällt, wer sich da verdächtig benimmt. Will Johanus wirklich glauben, dass der Leser bis zum Ende nicht ahnt, wer der Täter ist? Doch da bin ich schon wieder überrascht worden: Der Schreiber enthüllt kurz darauf nämlich von sich aus den Mörder. Wie soll jetzt noch ein halbes Buch spannend bleiben? Keine Sorge, es gibt einen guten Grund, dass mit der Erkenntnis, wer der Killer-Houdini ist, noch lange nicht Schluss ist.

Wenn mich überhaupt etwas gestört hat (wobei ’stören‘ da wirklich etwas übertrieben ist), dann waren es das Ich-weiss-wer-du-bist-sag-aber-nichts-Spiel, das eine der Personen spielen musste. Und der erst spät auftauchende wirkliche Grund für die grausamen Morde, der konnte mich nicht restlos überzeugen, weil er einfach zu viel Aufwand für so etwas bedeutete.

Letztlich sind das zwei Details, die nicht wirklich ins Gewicht fallen und vermutlich auch nicht jeden gleich wundern. Denn die Geschichte ist an sich wirklich überraschend schlüssig. Und die Personen – es sind zum Glück relativ wenige, die von Bedeutung sind – werden sehr gut eingeführt und beschrieben. Auch da ist Marcus Johanus gelungen, was viele Autoren nicht so recht schaffen: Seine Figuren sind verständlich, sauber definiert und wirken – obschon sie natürlich fiktiv sind – keinesfalls konstruiert.

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Verdankenswerterweise habe ich vom Autoren ein Rezi-Exemplar erhalten. Auch wenn ich kostenlos überlassene Romane mit Wohlwollen rezensiere, will ich dennoch einen ehrlichen Bericht schreiben und entsprechend auch nicht mit kritischen Punkten zurück halten.

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