Ausgeliefert – 2. Reacher-Band (Lee Child)

Mein Name ist Reacher. Jack Reacher. – Die Hauptperson aus Lee Childs „Reacher„-Serie stellt sich zwar nie so 007-mässig vor, könnte es aber durchaus. Die Parallelen zum britischen MI6-Agenten sind zahlreich. Aus jeder noch so verzwickten Situation findet der ehemalige Militärpolizist einen Ausweg, trifft mit Waffen aus unglaublichen Distanzen mit ebenso unglaublicher Sicherheit. Und wie bei den Bond-Geschichten leben die Romane um Jack Reacher mehr von der Action als von der Realitätsnähe und Glaubwürdigkeit. Die Handlungen sind zwar nicht ganz so sehr an den Haaren herbeigezogen wie das bei James Bond der Fall ist, aber der kritische Leser muss schon da und dort ein Auge zudrücken.

In „Ausgeliefert“, dem zweiten Reacher-Band, geht es um eine militante Gruppe in den Bergen Montanas, die ihre Unabhängigkeit ausrufen und sich von den USA abspalten wollen. Das hat eigentlich überhaupt nichts mit Jack Reacher zu tun und der Leser weiss davon lange Zeit auch nichts.

Doch der ehemalige Militärangehörige Reacher wird aus dummem Zufall in eine Entführungsgeschichte verstrickt und mit dem eigentlichen Opfer gemeinsam gekidnappt. Dann passiert erstmal so einiges, ohne dass eigentlich wirklich etwas passiert. Dem fast abgehackten, kurzen und prägnanten Schreibstil Childs ist es zu verdanken, dass auch eher langweilige Abschnitte durchaus ihren Reiz haben, etwa wenn sich die beiden Entführten näher kommen und mehr über sich herausfinden bzw. heraus zu finden versuchen.

Wie schon im vorhergehenden Band „Grössenwahn“ fällt Child auch in diesem Roman mit Gewaltsfantasien auf, die leicht verstörend wirken können. Und ausserdem auch nicht ganz sinnvoll erscheinen, denn warum sollte der Anführer einer militanten Gruppe ständig Mitglieder eliminieren, die irgendwie versagt haben? Gäbe es nicht sinnvollere Strafmassnahmen, die nicht gleich die ohnehin bescheidenen Mitgliederbestände weiter dezimieren würde?

„Ausgeliefert“ ist ganz klar ein Action-Thriller, der zügig voran geht und stets spannend bleibt. Während der Autor der ganzen Entführungsgeschichte und den ersten Ermittlungsfortschritten extrem viele Seiten widmet, geht’s beim lange herbeigesehnten Schlag gegen die Militanten dann fast ein bisschen zu schnell und einfach. Da hätte ich mir ein bisschen mehr erwartet, sind die Gegner oder zumindest deren Anführer ansonsten überhaupt nicht als so dümmlich rüber gekommen, wie sie sich dann am Ende verhalten.

Über einige wenige Seiten bringt Lee Child ein Thema ins Spiel, das leider von diesen wenigen Seiten abgesehen nicht weiter vertieft wird: Wie soll sich eine Regierung verhalten, die sich mit Bürgern konfrontiert sieht, die gegen die Regierung sind? Der Präsident im Roman meint, die USA würden viel Energie investieren, in anderen Ländern Meinungsfreiheit durchzusetzen und könnten deshalb nicht selber mit Gewalt gegen regierungsfeindliche Gruppierungen vorgehen.

Das wäre durchaus ein Thema mit genügend Konfliktpotential, das man weiter hätte vertiefen können. Lee Child hat aber darauf verzichtet und damit verhindert, dass aus dem Action-Roman ein Polit-Thriller hätte werden können.

Ebenfalls verzichtet hat Child auf den Erzählstil aus der ersten Person, den er im ersten Roman noch pflegte. Während da Reacher die Geschichte sozusagen selber erzählte und der Leser auch nur seinen Handlungsstrang verfolgen konnte, wechselt Child nun in die dritte Person. Gleichzeitig widmet er sich auch mehreren Handlungssträngen: Während im Hauptstrang der Leser Reacher „begleitet“, werden gleichzeitig auch die Geschichten der FBI-Ermittler auf der einen und ein bisschen die Geschehnisse bei der Montana Miliz erzählt. Wobei das Ganze mir aber mehr vorkommt wie ein Versuch, mal ein bisschen mit diesen Parallel-Strängen Erfahrung zu sammeln. Da wäre noch viel Potential. Ich bin gespannt, ob sich Child bei den späteren Bänden traut, das zu vertiefen, oder ob er wieder auf die erste Person zurück geht.

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